Die Weiterbildungstour „Weiter bilden, weiter kommen“ von Bündnis 90/Die Grünen machte Station in Stuttgart. Zum Thema „Weiterbildung – Sonntagsrede oder Strategie gegen Fachkräftemangel?“ diskutierte ein hochkarätig besetztes Podium am 18. Oktober im Kolping-Bildungswerk Württemberg e. V. in der Rosensteinstraße.
„Ist das Bewusstsein da, dass nach der Erstausbildung eine kontinuierliche Weiterbildung erfolgen muss?“ Mit dieser Frage eröffnet Moderatorin Priska Hinz, bildungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen die Diskussion.
„Das Thema Weiterbildung muss vom Sonntag auf den Werktag kommen“, fordert Fritz Kuhn, Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen. In einer sozialen Marktwirtschaft, die den Namen verdiene, müsse Weiterbildung zur normalen Verpflichtung werden, nicht nur für den eigenbetrieblichen Vorteil. Man müsse wegkommen von der Einstellung, dass man mit der Erstausbildung, die in Deutschland ja sehr gut sei, „ausgelernt“ habe. Kuhn prangert den „Jugendwahn“ der Unternehmen an, bei dem jeder über 35 zum alten Eisen gehöre. Auch die Vorruhestandsregelung sei der Bereitschaft zur Weiterbildung eher hinderlich gewesen. Der Politiker sieht gegenwärtig eine „Sattelzeit“, in der etwas Neues passieren kann, und prophezeit einen „Run auf Weiterbildung“, wenn die beruflichen Chancen in jedem Alter wiederhergestellt seien.
„Warum werden bestimmte Menschen von der Weiterbildung nicht erreicht?“ fragt Michael Lammersdorf, Geschäftsführer der Ernst Klett Informationsgesellschaft, Stuttgart, und gibt gleich selbst die Antwort: „Es ist deren Lebensstil, in dem Bildung nicht den Stellenwert hat.“ Denn, so Lammersdorf weiter: „Wer sich weiterbilden will, findet einen Weg.“ In diesem Zusammenhang spricht er von „Lern-Eliten“. Diese Menschen hätten klug erkannt, dass es ihnen individuell besser geht, wenn sie sich fortbilden und dabei auch Entbehrungen auf sich nehmen. Wenn diese Einsicht nicht da sei, werde man vergeblich rote Teppiche ausrollen.
Ähnlich sieht es auch Dr. Hilmar Döring, Leiter des Konzernpersonalwesens der Voith AG in Heidenheim. „Wenn die Grundmotivation nicht da ist, bringen finanzielle Hilfen nicht weiter.“ Seine These: „Es muss wehtun, den Betrieben und den Mitarbeitern.“ Erst dann sei die Bereitschaft weiterzulernen da. Es gebe viele junge Menschen ohne qualifizierten Schulabschluss. Auf die müsse man mit neuen Lernformen zugehen.
Den Grund für mangelndes Weiterbildungsbewusstsein macht der Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, Jörg Hofmann, an den Arbeitsstrukturen fest. Bei An- und Ungelernten seien alle Beratungsversuche zum Scheitern verurteilt, während sich Höherqualifizierte schon weiterbildeten. Hofmann mahnte eine Aktualisierung der Personalentwicklung an: „Die traditionellen Aufstiegsmuster passen nicht mehr in die Betriebe.“ Es fehlten konkret beschriebene Ziele, die man durch Fortbildung erreichen könne.
Ein konkretes berufliches Ziel erreichen zu wollen, etwa einen Fachwirt-Abschluss, hält KBW-Vorstand Dr. Carsten Breyde für einen wesentlichen Anreiz. „Weiterbildung einfach auf Vorrat gibt es kaum.“ Aber unter der aktuellen Sprachregelung lasse sich Weiterbildung auch schlecht verkaufen: „Bildungsträger, Bildungsmaßnahme, Trägertreffen – das klingt nicht wirklich attraktiv.“ Da sieht er Handlungsbedarf. Wenn ein Teilnehmer allerdings einmal mit dem Lernen begonnen habe, lerne auch weiter: „Das ist ein sich selbst verstärkendes System.“


