Talente zum Leuchten gebracht

„Das war anders als die anderen Kurse“. Dirk Roth empfängt vor dem Heilbronner Neckarturm die Vernissage-Gäste des Projekt Kreativ. In den Räumen der Arbeitsgemeinschaft für die Agentur für Arbeit Heilbronn und den Landkreis Heilbronn (ALH) sind die Kursergebnisse zu sehen.

Projekt-Macher und -Teilnehmer: v.l. Sabrina Ecker, Andreas Schulz (ALH) Dirk Roth, Ilona Bräuninger (KBZ), Ute Keller (ALH)
Partner: Kerstin Strohl (Mitte) mit Sabrina Ecker (l.) und Melanie Klaile (r.)
Eine Aufgabe: Selbstporträt
Entdeckt: Das Einladungsmotiv
Gelöst: Die Stimmung bei der Vernissage
Interessiert: Die Gäste studierten das Sonnenblumen-Logo
Der Künstler und sein Porträt: Stefan Dittrich (l.)
Angetan: Ilona Bräuninger und Uli Peter
Auge in Auge: Diethelm Wonner und sein Porträt von Stefan Dittrich
Gemeinsames Ziel: ALH-Chef Martin Frey. Teilnehmerin Sabrina Ecker, KBZ-Vizechef Peter Baust.

Gastgeber für fremde Menschen zu sein – das ist nur eine von vielen Überraschungen, mit der Roth und seine Kurskollegen nicht gerechnet haben, als sie vor drei Woche zum ersten Mal im Heilbronner Kolping-Bildungszentrum (KBZ) zusammentrafen. Die anfängliche Skepsis in den Blicken ist bei den meisten einem Lächeln gewichen, ihre Aufregung hat eine andere Energie. Acht junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren hatte die ALH in ein neues Kursangebot für junge Arbeitsuchende geschickt, das im Kolping-Bildungszentrum zum ersten Mal diesem Personenkreis einen Motivationsschub geben sollte.

Der Schlüssel, sich selbst wieder etwas zuzutrauen und versteckte Fähigkeiten aufzuspüren, war – Kunst. Die Sozialpädagogin Kerstin Strohl und der Grafik Designer Diethelm Wonner boten mit Pinsel, Farben, Kunsttheorie, Digitalfotografie, Exkursionen, Sport und Gesprächsrunden viele Wege an, auf denen die einzelnen Persönlichkeiten sich selbst neu entdecken konnten. Dabei kamen anspruchsvolle, witzige und tief aufwühlende Bildexperimente zustande: viel Gesprächsstoff für die Ausstellungseröffnung.

Der Kurs war auch gut für Entdeckungen wie den kunstbegabten Stefan Dittrich, der seinen Lehrer Wonner quasi im Vorbeigehen treffend porträtierte oder das Moderationstalent Melanie Klaile, die in Diskussionen gern die Führung übernahm. Eine Begabung, die in ihrer Schulzeit nie zum Tragen gekommen sei, erklärt die quirlige 21-Jährige. Alle hielten den straffen Stundenplan, täglich von 8 bis 16.30 Uhr ein, kaum Fehlzeiten, keine Beschwerden. „Eher ungewöhnlich“ nennt das Ute Keller, die bei der ALH die Maßnahmen koordiniert, mit freudigem Erstaunen. Ungewöhnlich auch das hartnäckige Lob für die Kursleiter: „Die beiden haben sich richtig um uns gekümmert“, bringt es Sabrina Ecker auf den Punkt. Und Melanie Klaile erinnert sich an den ersten Kurstag, als Wonner sie überzeugt hat: „Jeder kann malen! Das stimmt, das ist wunderbar“, sagt sie.

Neuland war der Kurs auch ALH-Chef Martin Frey, der „tolle Ergebnisse“ vorgefunden hat: „Die Jugendlichen haben Vorzeigbares geschaffen – mit Willen, Durchhaltevermögen, Fleiß und dem Mut, sich öffentlich zu zeigen. Wer das kann, kann sich auch woanders bewähren“, teilt er die Meinung seine Stellvertreters Andreas Schulz, der zusammen mit Peter Baust vom Kolping-Bildungszentrum die Kurs-Idee hatte. Mit der Entdeckung eines neuen Planeten verglich KBZ-Leiterin Ilona Bräuninger das Projekt Kreativ: Erst durch genaues Beobachten ist solch eine Entdeckung möglich – so, wie der Kurs „das, was in Ihrer Persönlichkeit ist, zum Leuchten brachte“. Kerstin Strohl kennt die kritische Frage, was danach kommen kann und stellt die Gegenfrage: „Was ist die Alternative?“ 

 


Kunst kann Kräfte freisetzen

Katja Schlonski (Mitte) berichtete im Frankenradio über das Projekt Kreativ. Sie sprach unter anderem mit Sabrina Ecker und Diethelm Wonner.
Stefan Dittrich (l.) fachsimpelt mit Dirk Roth.
Entspannt, aber motiviert: Die Kursleiter loben die Energie, mit der sich die Künstler auf Zeit auf das Projekt Kreativ einlassen.
Kerstin Strohl(Mitte) entdeckt neben den künstlerischen Fähigkeiten im Kurs auch andere Talente.
Was im Projekt Kreativ entsteht, ist bis zum Frühjahr 2008 in den Räumen der ALH im Neckarturm zu sehen.

Das Papier auf den Staffeleien im Kursraum ist so weiß  wie die Wände. Der einzige Farbtupfer: Ein Sonnenblumenstrauß. An den Tischen neun junge Menschen ohne Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Mittendrin Sozialpädagogin Kerstin Strohl und der Grafik Designer Diethelm Wonner. Das Projekt Kreativ führt diese Gruppe im historischen Heilbronner Bahnhofsgebäude zusammen: Ein neues Angebot, bei dem sich die Jungen künstlerisch betätigen, malen, fotografieren, und nach drei Wochen in einer selbst organisierten Ausstellung ihre Werke und sich selber präsentieren sollen: „Sie werden ihr kreatives Potenzial entdecken“, sagt Wonner voraus. Zweck der Übung ist, dass die jungen Leute lernen, sich selbst wieder etwas zuzutrauen.

Idealerweise sind sie danach gerüstet, sich mit neuem Selbstvertrauen den Anforderungen des Ausbildungs- und Arbeitsmarkts zu stellen. So sieht es das Konzept vor, das der stellvertretende Leiter des Kolping Bildungszentrums Peter Baust und Andreas Schulz, stellvertretender Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für die Agentur für Arbeit Heilbronn und den Landkreis Heilbronn (ALH) gemeinsam erarbeitet haben. Strohl und Wonner stehen für die praktische Umsetzung. Die 43-Jährige bringt einen reichen Erfahrungsfundus aus schulischer Projektarbeit mit. Der Künstler Wonner ist durch Lehraufträge an der Schule für Gestaltung firm im Umgang mit jungen Leuten.

Malen, um Selbstbewusstsein zu gewinnen? Kein zu unterschätzendes Ziel, findet Strohl: „ Es geht darum, mal etwas ganz anderes zu machen. Das erfordert Mut.“ Für die Klientel, die der Kurs anspricht, sei es allein schon eine Herausforderung, sich auf das Kreativ-Projekt einzulassen. Wer sich dem stellen will, muss bereit sein, sich drei Wochen lang anzustrengen. "Wir wollen uns öffnen und feststellen, dass wir Kräfte haben, die uns voranbringen können", drückt es Wonner aus.

Wünschen und Träumen, die ihnen vielleicht abhanden gekommen sind, sollen die Jugendlichen auf die Spur kommen und in der Beschäftigung mit sich selbst verbunden mit der praktischen künstlerischen Tätigkeit Erfolgserlebnisse sammeln. „Darin liegt auch Spannung für uns“, sagen die Kursleiter.

Sie sind bereit, eigene Ideen der Jugendlichen aufzugreifen. Eine Aufgabe wird sein, dass sie sich bei Besuchen der städtischen Museen und des Würth-Museums in Künzelsau-Gaisbach Anregungen für eigene Arbeiten holen. Vergleichbar einer Visitenkarte, entwickeln sie ein Zeichen, das für ihre Person steht, versuchen, Kunstwerke zu kopieren und Erfahrungen mit der Digitalkamera sammeln. Dazu geht es in die Katakomben des historischen Heilbronner Bahnhofs – ideal, um das Thema „Zeichnen mit Licht“ umzusetzen. Alle Angebote sind kommunikative Tätigkeiten, die Neugier fördern und Ansporn sind, etwas anzupacken.


Dabei gilt nicht das Lustprinzip, sondern ein straffer Stundenplan. „Wir fangen pünktlich um acht an“, ist eine Vorgabe, freundlicher, respektvoller, wertungsfreier Umgang miteinander eine andere. Eine Morgenrunde mit Begrüßung und Tagesplan stimmt auf den Tag ein, das künstlerische Arbeiten ist durch Bewegungseinheiten unterbrochen - an einem Tag sogar durch einen Ausflug in die Kletterarena - und es gibt Etappenziele. Wenn um 16.30 Uhr Feierabend ist, wird der jetzt noch kahle Unterrichtsraum täglich mehr mit Leben erfüllt, so dass nach den drei Kurswochen genug Material zusammenkommt, um eine Ausstellung in den Räumen der ALH zu bestücken.

Der Kurs endete mti einer Vernissage im Neckarturm für Familien, Freunde und Mitarbeiter von ALH und Kolping-Bildungszentrum., die die Teilnehmer selbst organisiert haben. Strohl und Wonner rechnen damit, dass  ein Feuer entfacht ist, die jungen Ausstellungsmacher sagen: „Wir haben wieder Lust, etwas zu tun“. Es ist ein Experiment, auf das sich Andreas Schulz einlässt, dessen ist sich der stellvertretende ALH-Leiter bewusst. „Aber wir müssen manchmal auch ungewöhnliche Methoden einsetzen, um zum Ziel zu kommen“, weiß er aus seinem Berufsalltag.

Sonntag, 20.07.2008
Qualitätsgemeinschaft