Plakativ schockieren

- Bernd Eisold (r.) zeigte den BSK-Vertretern seinen Trickfilm, in dem Körperbehinderte Alltagsprobleme wegzaubern.

- Mit Vergnügen betrachteten BSK-Vorstandsmitglied Andreas Lindner (r.) und sein Pressesprecher Peter Reichert die Entwürfe der Grafik-Design-Schüler.

- Kritisch, aber beeindruckt: SfG-Schulleiter Host Strümann und KBZ-Leiterin Ilona Bräuninger begutachten die Schülerarbeiten
„Wenn ich nicht sitzen würde, hätte es mich umgehauen“, fasste Andreas Lindner vom Vorstand des
Bundesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter e. V. (BSK), seine Begeisterung für die Schülerarbeiten der Grafik-Designer am Heilbronner Kolping-Bildungszentrum selbstironisch in Worte. „Das wird für Zündstoff sorgen“, fand der Rollstuhlfahrer bei der Präsentation der Schülerarbeiten für seine Organisation.
In grellen Farbkontrasten prangen provokante Schlagworte im Stil des so genannten Guerilla-Marketing à la Benetton. Sie sind auf einen Blick erfassbar, zitieren Vorurteile gegen Behinderte und kehren sie ins Ironische. Nicht als Mitleids-Appell, sondern als Aufforderung an nicht Behinderte, im Alltag Hemmschwellen abzubauen. Das können auch ganz simple Handlungen sein, die Körperbehinderte nicht ausführen können. Überspitzt gezeichnet, machen teilkolorierte Strichzeichnungen auf einem weiteren Plakatentwurf überspitzt auf solche Hürden aufmerksam.
„Was geht?“ Eine alltägliche, saloppe Frage. „Frust schieben“. Eine geläufige Redewendung. Steht sie neben einem Rollstuhlsymbol, stellt sich im Kopf etwas quer. Ein betretenes „Oh“ mag einem über die Lippen kommen, wenn sich zwei kleine Wörter mit dem Bild zusammentun und man als Leser versteht: Nicht alle Menschen können hingehen, wohin sie wollen. Nicht mal schnell die Rolltreppe benutzen, nicht in letzter Minute in den Zug springen, im Laden keine Umkleidekabine benutzen und mit dem Stehcafé überhaupt nichts anfangen.
Mit solchen Situationen haben sich die Schülerinnen und Schüler der Abgängerklasse an der Schule für Gestaltung im Heilbronner Kolping-Bildungszentrum auseinandergesetzt. Ihre Antworten auf die Anfrage des BSK sind beredt und machen stumm. Dass sie dann aber zum Nachdenken anregen und das Bewusstsein für die Alltagsnöte behinderter Menschen schärfen, die eben nicht überall hin können, ist Ziel einer Plakate – und Aufkleber-Kampagne, für die die Kolping-Schüler dem BSK jetzt ihre Entwürfe vorgestellt haben. Übrigens in der Aula des Historischen Heilbronner Bahnhofs, denn in der Villa Nestle, wo die Grafik-Designer unterrichtet werden, sind Treppen unüberwindbare Hürden für körperbehinderte Gäste.
Wo Rollstuhlfahrer bewusst - etwa beim Parken – oder unbewusst – wenn selbst kleine Schwellen unüberwindlich sind – gehandicapt werden, sollen engagierte Zeitgenossen ihren Block mit den „Achtung-Kärtchen“ zücken und per Aufkleber die Nachricht hinterlassen: „so nicht“. So stellen sich die Macher der Aufkleber im Schema von Verkehrs-Achtungsschildern die Verwendung ihrer Entwürfe vor. Und Bernd Eisolds Film, der im Stil von Chicken Run Knetfiguren im Rollstuhl wie im Märchen Bahnschwellen und Berge bewältigen lässt, hat Chancen, ein BSK-Werbetrailer zu werden. Lindner und sein Pressesprecher Peter Reichert haben die Materialien aus Schülerhänden dankend entgegen genommen. Sie werden sie im Verband vorstellen und in ihrer Zeitschrift Leben & Weg darüber berichten. Wenn die Entwürfe erst als großformatige Plakate in den Städten hängen, werden die Abgänger der Schule für Gestaltung nicht nur stolz auf eine breite Imagekampagne sein. Sie werden auch ihre Bewegungsfreiheit hoch schätzen, weil sie gelernt haben, dass das gar nicht selbstverständlich ist.
Info: Der BSK legt zum Jahresende einen Kalender auf, der in einem Malwettbewerb entsdtanden ist: eine bunte Welt aus Wünschen und Hoffnungen behiderter Kinder. Der Kalender ist über den BSK gegen eine Spende zu haben.
Detailinformationen finden Sie hier.

