Mit über dreißig zurück in die Schule? "Man ist nie zu alt!"
Auf Streife und im Schichtdienst steht Judith Heck aus Fichtenau in Hohenlohe mit ihren 24 Jahren als Polizeimeisterin täglich ihre Frau. Kerstin Blau ist mit 22 eine erfolgreiche Friseurin: Der deutsche Handwerkstag schickte die Leingartenerin mit einem Stipendium nach England. Frank Prößdorf aus Bad Rappenau ist 42 und hatte als Goldschmiedemeister sein eigenes Geschäft. Die drei meisterten jetzt ihr Abitur am Heilbronner Abendgymnasium – in einem Alter, in dem andere der Schule für immer den Rücken gekehrt haben. Sie gehören 2007 bei 23 Abgängern zum stärksten Abiturientenjahrgang seit Gründung des Kolping-Abendgymnasiums 1990, an dem erstmals zwei Klassen parallel unterrichtet wurden. Die KBZ-Redaktion fragte nach.
KBZ: Mit fertiger Berufsausbildung und über 20 oder sogar 40 Jahren noch einmal in die Schule: Warum tut man sich das an?
Blau: Nach der zehnten Klasse hatte ich genug von der Schule und wollte Friseurin werden. Dann hat mir die Berufsschule richtig Spaß gemacht und jetzt kann ich mir einen Traum erfüllen: Ich will Innenarchitektur oder etwas mit Sprachen studieren.
Prößdorf: Schon vor etwa zehn Jahren war ich in meinem Beruf nicht mehr zufrieden und habe an ein BWL-Studium gedacht. Erst mit 37 habe ich mich entschlossen, das Abitur nachzuholen und will jetzt ganz neu anfangen, ein Studium im technischen Bereich.
Heck: Als ich mit 16 eine Zusage für die Ausbildung bei der Polizei erhielt, habe ich zugegriffen und war die jüngste Auszubildende in Baden-Württemberg. Im Telekolleg habe ich die Fachhochschulreife gemacht, mit dem Abitur bewerbe ich mich für ein Studium bei der Polizei.
KBZ: Wie lebt man, wenn man vier Abende pro Woche in der Schule verbringt und nebenher seiner gewohnten Arbeit nachgeht?
Heck: Ich habe die ganze Zeit 41 Stunden im Streifendienst gearbeitet, auch Früh- und Nachtschichten nacheinander. Deshalb habe ich schon auch mal gefehlt. Bei einem Anfahrtsweg von 100 Kilometern musste ich mittags um halb vier weg, meist war ich um zwölf daheim. Trotzdem war das Abendgymnasium gemessen am Telekolleg eher erholsam. Wenn du im Unterricht am Ball bleibst, musst du nicht mehr viel machen.
Prößdorf: Hausaufgaben gibt’s da eigentlich nicht. Die Lehrer wissen ja, dass die meisten dazu keine Zeit haben: Ich bin nachts für eine Spedition LKW gefahren und hab’ Teilzeit bei einem Juwelier gearbeitet. Voll arbeiten ist sehr stressig, das haben in der Klasse nur wenige gemacht (grinst in Richtung Judith Heck)
Blau: Ich habe gegen Ende der Schulzeit an den Wochenenden für Friseur-Fachhandelsfirmen gearbeitet, das hat sich gut ergänzt.
KBZ: Gibt es ein Fach, das Ihnen überraschend schwer oder leicht fiel?
Blau: In der Friseurausbildung hat man keine richtige Mathematik, das fiel mir jetzt schwer. Dafür Englisch umso leichter, ich hatte ja gerade drei Monate in Birmingham gearbeitet, als ich in die 12. Klasse kam.
Heck: Mir hat Mathe Spaß gemacht, da hab’ ich auch Nachhilfe gegeben.
Prößdorf: Physik, Chemie oder Mathe sind mir aufgrund meiner Ausbildung relativ leicht gefallen. Man entwickelt einen gewissen Ehrgeiz.
KBZ: Hilft einem also Lebenserfahrung beim Abitur?
Prößdorf: Man sieht manche Fächer mit ganz anderen Augen. Goethe hat mich vor 20 Jahren überhaupt nicht interessiert.
Heck: Man ist sich einfach sicher, dass man das, was man begonnen hat, auch wirklich will.
Blau: Ich bin vom Gymnasium in die Lehre gegangen – und dann doch zurück. Ganz bewusst.
KBZ: Waren die Prüfungen aufregend?
Prößdorf: Ich habe schon so viele Prüfungen durchgestanden, das ist nicht mehr aufregend. Das ist sicher ein Vorteil.
Blau: Durch die Oberstufenreform ist das nicht mehr sehr spannend, man weiß ja in etwa, wo man steht.
Heck: Die Fachhochschulreife übers Telekolleg war wesentlich aufregender.

