Artikel in der Stuttgarter Zeitung vom 13.11.2007
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Auf die Akademie geht es durch ein Nadelöhr
Kolping-Kunstschule hilft Studienaspiranten bei der Bewerbung
Die Hürden für ein Kunststudium sind hoch. Bewerber müssen eine überzeugende
Auswahl ihrer Arbeiten einschicken. Die Kolping-Kunstschule Stuttgart bietet
spezielle Kurse an, um den Kreativen zu helfen, ihre Mappe
zusammenzustellen - ein Besuch im Atelier.
Von Christine Keck
Ohne ihr Skizzenbuch geht Petra nicht mehr aus dem Haus. Die 19-Jährige
zeichnet in der Stadtbahn, in der Wilhelma, mitten in der Innenstadt oder
vor dem Staatstheater. Wann immer sie eine freie Minute hat, greift sie zum
Bleistift und legt mit schnellen Strichen los. "Oft bleiben Leute stehen,
schauen mir zu und sagen, wie toll sie das finden", erzählt Petra. Daran
muss sich die junge Frau erst gewöhnen. Zeichnen ist ihre Leidenschaft, sie
will sie zum Beruf machen und an der Kunstakademie in Stuttgart auf Lehramt
studieren.
Eine gute Bewerbungsmappe ist die Voraussetzung, um dort für die
Aufnahmeprüfung zugelassen zu werden. Trotz Neigungsfach Kunst hat sich die
Exabiturientin nicht zugetraut, die Werke im Alleingang zu erstellen. "Zu
Hause verliere ich schnell die Lust, ich komme auf keine neuen Ideen",
erzählt Petra und hat sich nach Hilfe umgeschaut.
Im Atelier der Kolping-Kunstschule an der Heusteigstraße zieht die
19-Jährige behutsam ein Blatt Papier von einer Linolplatte. Mit spitzen
blauen Fingern legt sie den Druck auf den Boden im Treppenhaus. "Wir lernen
hier viele Grundtechniken", sagt Petra, die sich für den Tageskurs
angemeldet hat. Sie will das Rüstzeug vermittelt bekommen, um sich
gestalterisch freier und mutiger zu bewegen, um Neues auszuprobieren.
"Anfangs hatte ich Angst, ob mein Talent ausreichen würde", gibt Petra zu.
Die Unsicherheit ist inzwischen einem neuen Selbstbewusstsein gewichen. "Ich
werde schon besser, und das innerhalb weniger Wochen."
Die festgetrockneten Farbschichten auf den Holztischen, die bunten Sprengsel
auf dem Parkett erzählen die Geschichte des Ortes. Seit 30 Jahren kommen
Kursteilnehmer in die Atelierräume gleich unterm Dach. Hugo Peters, ein
Professor der Stuttgarter Kunstakademie, hat die kleine Schule gegründet, um
Kreativen den Weg an die Hochschule zu ebnen. Nicht nur angehende Lehrer,
sondern auch Designer, Innenarchitekten, Grafiker und freie Künstler haben
sich angemeldet, um sich in Abendkursen oder tagsüber ein oder zwei Semester
lang auf das Studium vorzubereiten.
"Wer auf die Akademie will, muss durch ein Nadelöhr. Das ist heftiger als
ein Numerus clausus", sagt Jörg Mandernach. Der Künstler und Dozent hat das
selbst erlebt. Auch er hat die Aufnahmeprüfung an der Hochschule der Künste
Berlin zunächst nicht bestanden. Er ließ sich von einer ehemaligen Studentin
ein paar Monate unterrichten und kam beim zweiten Anlauf ans Ziel.
"Es ist die Ausnahme, dass es jemand direkt nach der Schule schafft", sagt
sein Kollege Uwe Schäfer. "Die Hochschule erwartet bereits eine sehr hohes
Maß an Eigenständigkeit. Dazu kommt Können und Glück." Neben dem
Kolping-Bildungswerk bieten Volkshochschulen und freie Träger Mappenkurse
an. Auch die Freie Kunstschule in Bad Cannstatt, deren Zukunft aufgrund
einer finanziellen Schieflage ungewiss ist, brachte viele Künstler auf die
Spur.
Ein bisschen Theorie, zeitgenössische Kunstgeschichte, Atelierbesuche und
gemeinsame Ausflüge in Museen - das alles sind Bestandteile der Kurse. Und
vor allem praktisches Arbeiten: wie zeichne ich die Cannelloni, so dass sie
plastisch wirken? Worauf kommt es bei Aktskizzen an? Wie gelingt ein
Holzschnitt? Nicht allein, sondern in der Gruppe wird gearbeitet, und
anschließend das Entstandene besprochen. An den langen Tischen malen,
schnitzen, schraffieren, lasieren die Schüler und tauschen sich
untereinander aus. Manche werkeln schweigend, andere plaudern lauter als das
Radio.
Im Atelier duzen sich alle. Auch Bruno, 66 Jahre alt und ehemaliger Chef
eines Malergeschäfts, wehrt sich gegen Förmlichkeiten. Dass die meisten
anderen Schüler Jahrzehnte jünger sind als er, findet er inspirierend. Der
Ruheständler, der seinen Handwerksbetrieb an den Sohn abgegeben hat, holt in
dem Kolping-Kurs nach, was er als Jugendlicher nicht durfte: sich
ausschließlich den bildenden Künsten widmen. Weil das Geld nicht reichte,
musste Bruno seinerzeit auf eine Ausbildung an der Hochschule verzichten. Er
wartete bis zur Rente, um "es professionell angehen zu lassen", wie der
66-Jährige sagt. Am liebsten würde er auch noch ein paar Semester an der
Akademie dranhängen. "Aber ich will niemand den Studienplatz wegnehmen",
fügt Bruno hinzu. Immerhin biete sich ihm eine gute Alternative: Er hat sich
in seiner Ferienwohnung auf den Kanaren ein Atelier eingerichtet.
Ein wichtiges Experiment ist für Bruno die Kompaktwoche zum Thema Hochdruck.
Ein noch nicht vollendetes Selbstporträt liegt vor ihm auf dem Tisch. "Ich
habe noch nie Linolschnitt gemacht", gesteht der Hobbykünstler. Das geht
natürlich nicht ohne das eine oder andere Malheur: Das Hohleisen hat einige
Kerben in den Fingerkuppen hinterlassen. Und eine Augenbraue musste auch
ersetzt werden, erzählt Bruno. "Die habe ich aus Versehen aus dem Linoleum
geschnitten und dann wieder angeklebt."
Christine Keck

