Stärken stärken und Schwächen schwächen

- Referent Hans Peter Brugger. Fotos: kbw
Aktuell
Unfreiwillig passte das Thema des Symposiums am Abendgymnasium 2010 zur Bildungsdiskussion in Hamburg. Referent Hans Peter Brugger, Rektor der Neckarsulmer Neubergschule, kommentierte das Abstimmungsergebnis gegen eine Verlängerung der Grundschulzeit nur knapp: „Hamburg hat richtig abgestimmt“, findet der Pädagoge. Aus seinem großen Erfahrungsschatz begründete er: „Etwa im Alter von zehn, elf Jahren ist es gut, Kinder in leistungshomogenen Gruppen lernen zu lassen“.
Bedürfnisse treffen
Im Schulalltag beschäftigt sich der rührige Rektor mit der komplexen Frage, wie eine Grundschule den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden kann. Denen der Kinder mit Wahrnehmungsstörungen und daraus resultierenden Lernschwächen ebenso wie besonders begabten Kindern. Wie ein Lernort für alle aussehen kann, beschrieb er vor rund 60 Gästen beim Symposium, zu dem Schulleiter Norbert Wacker eingeladen hatte.
Wahrnehmung: eingeschränkt
Die Voraussetzungen, mit denen Kinder heute eingeschult werden, sind höchst unterschiedlich: „Jedes dritte Kind, das zu uns kommt, hat Wahrnehmungsdefizite“, weiß Brugger aus Tests. Eingeschränkte körperliche Fähigkeiten zählt er dazu, reduzierte Aufmerksamkeit, Sprachdefizite und vieles mehr. Keine neue Erkenntnis teilte er mit, wenn er zu einem gut Teil die „Drei-Scheiben-Kindheit“ dafür verantwortlich macht, die sich zwischen Mattscheibe, Autoscheibe und Fensterscheibe abspiele. Abhilfe sieht er vor allem in Live-Erlebnissen: Kinder müssen die Welt sinnlich erkunden, um sich gesund zu entwickeln. Zur Realität an Schulen gehören immer auch Kinder, die auf bestimmten Gebieten besonders begabt sind.
Begabt
Rund zehn Prozent des Nachwuchses erwiesen sich als besonders gierig, Neues zu erfahren, Sprachen zu lernen oder zu rechnen. So wie Schwächen ausgeglichen werden müssten, so haben aus Bruggers Sicht Begabte Anspruch darauf, dass ihre Stärken gefördert werden: „Nichts ist so ungerecht, wie die gleiche Behandlung von Ungleichen“, ist er überzeugt. Und schiebt ein politisches Statement hinterher: „Chancengleichheit ist nicht dasselbe wie Chancengerechtigkeit“. Nicht in den Schulen beginne die Selektion, sondern durch unterschiedliche Sozialisation. Im Spagat, Lernschwache und Begabte gleichermaßen zu fördern, hat Brugger Übung. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er mit seinem Kollegium neben gezielten Fördermaßnahmen zum Beispiel für lese- oder rechenschwache Kinder daran, das Begabte ihre Fähigkeiten einsetzen, „sonst verkümmern sie“.
Hector Stiftung II
Seit acht Jahren ist die Neubergschule Kinderakademie, seit diesem Jahr gefördert von der Hector-Stiftung II. Zusatzangebote an Nachmittagen oder Samstagen bieten Lernmöglichkeiten im Rechnen wie im Musizieren, im Gestalten wie in naturwissenschaftlichen Experimenten. In der Diskussionsrunde war der Abgleich mit der Bildungsrealität gefragt. „Die Rahmenbedingungen sind nicht ideal“, gab der Fachmann zu. Aber die Absicht, über den Orientierungsplan alle wichtigen Förderthemen bereits bei Kindergartenkindern abzudecken, sei richtig: Im Stadt- und Landkreis Heilbronn seien Erzieher und Lehrer gut ausgebildet.
Info Hector Kinderakademien:
Hans Peter Brugger, seit 15 Jahren Leiter der Neubergschule in Neckarsulm koordiniert die Hector-Kinderakademien im Land: Mit 32 Millionen Euro sponsert SAP-Mitbegründer Hans-Werner Hector diese Einrichtungen. 50 Kinderakademien soll es geben, aktuell existieren 29, zwei davon im Stadt- und Landkreis Heilbronn, in Neckarsulm und Lauffen. Vorgesehen ist, die Begabtenförderung auf den vorschulischen Bereich auszudehnen.
"Größte Hochachtung" zum Abitur
Von Herzen
„Das ist das Schönste, wenn man am Schuljahresende hier herausgehen kann und alle haben bestanden.“ Von Herzen kam diese Anerkennung für die 22 Abiturienten am Abendgymnasium des Kolping-Bildungszentrums, ausgesprochen von Schulleiter Norbert Wacker. In einer stimmigen, angemessen feierlichen und fröhlichen Abschiedsfeier nahmen die Abendgymnasiasten ihre Abiturzeugnisse mit einem Gesamtsdurchschnitt von 2,5 entgegen.
Kritisch
„Ein äußerst wertvolles Stück Papier“ überreichte Wacker und zitierte aus dem Glückwunschschreiben des Ministerpräsidenten, vor allem in den Naturwissenschaften und in der Informatik hätte der Hochschul-Nachwuchs gute Chancen. Wackers Kritik, der Staat dürfe bei solchen Prämissen nicht bei der Förderung des zweiten Bildungswegs sparen, quittierten die Schüler und Gäste mit Applaus.
Hochleistung
Der Abschlussjahrgang 2010 habe bewiesen, dass er insbesondere in Physik zu Hochleistungen fähig sei: Bei sieben mündlichen Prüfungen haben sie einen Schnitt von 11,5 Punkten erzielt. Allein fünf Prüflinge schlossen das Mündliche in Geschichte mit Gemeinschaftskunde, Biologie, Physik oder Französisch mit 15 Punkten ab. Dass gerade die letzte Prüfungsphase mit tiefen Emotionen verbunden war, wertete Wacker positiv: „Wer Gefühle zeigt, zeigt Menschlichkeit“, sprach er der Abschlussklasse Mut zu, um auch weiter authentisch zu bleiben. Starke Persönlichkeiten zu bilden und Verantwortungsbewusstsein zu schulen sei Teil einer gelungenen Schulbildung.
Auf dem Weg
Wacker sieht seine Schützlinge auf einem guten Weg. Dass sie neben beruflichen und, zum Teil als Eltern, familiären Verpflichtungen drei oder vier Jahre Abendunterricht auf sich genommen haben, würdigte Ilona Bräuninger, Leiterin des Kolping-Bildungszentrums, bei der Zeugnisübergabe: „Ich habe allergrößte Hochachtung vor Ihrer Leistung“, sagte sie bei der Verleihung der Preise.
Preisträger
Den Kolping-Matura-Preis für die beste Gesamtleistung erhielt Tobias Hagen, der außerdem einen Preis der physikalischen Gesellschaft und den Preis für besondere Leistungen im Fach Geschichte und Gemeinschaftskunde entgegennahm. Mit einem Physikpreis wurde Jürgen Boxberger ausgezeichnet, Scheffelpreisträgerin ist Sarah Hirschka, den Französischpreis erhielt Siham Kharfouche. Im Fach Biologie wurde Patrick Knoll ausgezeichnet. Stefanie Kreuzer beantwortete in ihrer Abiturientenrede die Frage, ob sie und ihre Mitschüler ihre Zeit sinnvoll investiert hätten eindeutig positiv und übernahm auch den Dank an Deutschlehrer Rainer Frank, den die Klasse zum Lehrer des Jahres kürte.
Persönlich
Wie Norbert Wacker für alle Schüler sowie für Verwaltungsleiterin Anja Biller und Schulsekretärin Walburga Mack persönliche Worte fand, so hielten es die Schüler mit guten Wünschen für die anwesenden Lehrerinnen und Lehrer. Gemeinsam mit diesen haben sie die Weichen für ihre Zukunft gestellt: Lehrer, Mediziner, Manager oder Geoinformatiker sind nur einige Berufswege, die ihnen nun offen stehen: Das Kolping-Bildungszentrum gratuliert seinen Absolventen!
Mit 23 das Studienziel klar vor Augen
Schon lange auf dem Weg
Tobias Hagen und seine Mitschülern am Abendgymnasium des Kolping-Bildungszentrums haben etwas gemeinsam: Ihre bisherige Schul- und Berufslaufbahn war alles andere als geradlinig. Hagen steht jetzt, als stolzer, 23-jähriger Abiturient, an einem Neuanfang. Vor seinem Traumziel Studium. Kein bisschen bereut er, sich drei Jahre Abendschule „angetan“ zu haben. „Wenn jemand die Entscheidung für das Abendgymnasium trifft, ist er schon lange auf dem Weg“, stellt der Brackenheimer fest, so sicher, als erkläre er ein Naturgesetz.
Technik-Freak
Nüchtern wirkt der dunkelhaarige junge Mann. Aber nur, bis er auf seine Leidenschaften zu sprechen kommt. Zur Mathematik habe er schon immer einen Bezug gehabt, erzählt er. Schon als Junge habe ihn Technik-Spielzeug fasziniert. Dass er diese Vorlieben beruflich nutzen konnte, ergab sich aus einer Reihe von Zufällen: Dadurch, dass er nach dem Realschulabschluss nicht den Ausbildungsplatz als Kaufmann bekam, sondern als Bauzeichner anfing. Bei einer Berufsschul-Exkursion lernte Tobias Hagen das staatliche Vermessungsamt kennen und wusste: Das ist mein Fach.
Die Welt vermessen
Doch schon während seiner Ausbildung hat der Vermessungstechniker beschlossen, dass er mehr will als „sich draußen austoben“ und am Schreibtisch Pläne bearbeiten. Tiefer in die spannende Welt von Geoinformationssystemen vorzudringen, interessiert ihn. Darüber, wie Navi-Daten breit nutzbar und dennoch sicher gestaltet werden können, denkt er auch in moralischen Dimensionen nach. Gleichschaltung, Individualismus und Freiheit kommen da ins gar nicht mehr technische Gespräch. Hagens Wunschfach ist der noch jungen Studiengang Geoinformatik.
"Total anstrengend"
Das Etappenziel Abitur habe dieses Ziel in greifbare Nähe gerückt: „Aber die Schule war nicht nur Mittel zum Zweck“, sagt Hagen, nachdem er drei Jahre lang Abend für Abend nach der Arbeit die Schulbank gedrückt hat. „Hier ist auch mein Interesse an Bildung ganz allgemein gewachsen“. Schon lange könne er auch Fächern wie Deutsch und Englisch etwas abgewinnen: „Mein Deutschlehrer hat mir die Faszination für Sprache und Kultur nahegebracht“, nennt er einen wichtigen Grund, warum sich die Paukerei gelohnt hat. „Das war eine schöne, gute und total anstrengende Zeit“, zieht Hagen sein persönliches Fazit als Abiturient.
Verantwortlich
„Hier habe ich gemerkt, was man kann, wenn man will“, sagt er – auch nach einem Tag mit Überstunden im Büro. Zunächst wird er sich im Zivildienst beim evangelischen Jugendwerk in Brackenheim engagieren. Ehrenamtlich ist er noch nicht lange dabei, spürt aber, wie er als Streetboard-Fahrer einen Draht zu Jugendlichen bekommt. Tobias Hagen hat sich entschieden, Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur im Beruf.
Info: Tobias Hagen ist der Preisträger-Favorit seines Jahrgangs: Für besonders gute Leistungen den Matura-Preis des Kolping-Bildungszentrums, außerdem als Jahrgansbester den Preis der physikalischen Gesellschaft und den Preis für Geschichte und Gemeinschaftskunde.
Alles ist möglich: Hauptschule, Lehre, Abitur
Putzmunter nimmt Burim Sopaj im Heilbronner Kolping-Bildungszentrum zwei Treppenstufen auf einmal. Es ist abends um fünf. Die Zeit, zu der der 24-Jährige vier Jahre lang an vier Abenden die Woche zum Unterricht am Heilbronner Abendgymnasium angetreten ist. Jetzt hat er sein Abitur in der Tasche und sein nächstes Ziel fest im Auge: Im September beginnt sein Praktikum bei Kaufland in Möckmühl, danach sein Studium an der Dualen Hochschule Mosbach: Betriebswirtschaft, Fachrichtung Industrie.
Darauf hat der gebürtige Kosovare hin gearbeitet, seit ihm klar war, dass er nicht sein ganzes Berufsleben in der Autowerkstatt verbringen will. Fast zehn Jahre lang hat Burim das erprobt — mit Spaß, das nimmt man ihm ab. Trotzdem ist jetzt etwas anderes dran. Wenn er sich in diesem Sommer von seinem Kollegen-Team trennen muss, wird ihm das nicht leicht fallen. Er hat gern in seinem erlernten Beruf als Kfz-Mechaniker beim Neckarsulmer Autohaus ASW gearbeitet. Aber die Zeit für einen Neuanfang ist reif.
So entschlossen, wie Burim darüber spricht, klingt alles, was der sportliche junge Mann über sich erzählt. Als Zehnjähriger ist er 1995 nach Deutschland gekommen. Die damals fünfköpfige Familie war dem politisch verfolgten und geflüchteten Vater gefolgt. Die neue Welt des Jungen hieß Amorbach bei Neckarsulm. In der fünften Hauptschulklasse begann er seine Schullaufbahn in Deutschland. Ohne Sprachkenntnisse. „Ich hab Glück gehabt, bin gut aufgenommen worden in meiner Schule“, findet er heute.
Schnell hatte er aber auch verstanden: „Man muss rausgehen und Leute kennen lernen. Ich hätte mich auch daheim mit meinen Geschwistern unterhalten können, aber man darf sich nicht zuhause einschließen“. Für ihn war es der Fußballverein, über den er Anschluss und Freunde fand. Heute sagt Burim Sopaj von sich: „Ich bin Heilbronner.“
Reibungslos verliefen seine Lehre nach dem Hauptschulabschluss und die ersten Berufsjahre. 2005 begann der Unterricht am Abendgymnasium. Der einjährige Vorkurs „war ein guter Einstieg“, findet Burim im Nachhinein. Der Einführungsphase folgte das Kurssystem der Oberstufe. Als technisch Interessiertem lagen ihm besonders Physik und Mathematik. Vor dem berüchtigt hohen Arbeitspensum an der Dualen Hochschule ist ihm nicht bange: „Wir haben jetzt einen fünfzehn-, sechzehn-Stunden-Tag“, sagt er über sich und seine Abitur-Klasse, da sei man das Arbeiten gewohnt.
Sobald die Entscheidung fürs Abendgymnasium gefallen sei, sei klar, worauf man sich einlasse: „Den Stress gibt sich keiner, der das nicht will.“ Außerdem sitzen in der Klasse alle in einem Boot: „Man muss sich gegenseitig helfen, da wächst man zusammen“, ist seine Erfahrung mit seinen erwachsenen Mitschülern. Die Aussicht, lebenslang lernen zu müssen, schreckt Burim Sopaj nicht. „Das passt zum Leben“, sagt er und zitiert die Weisheit „Stillstand ist Rückstand“.
In der Migrationsbiografie von Burim Sopaj wird es dazu nicht so schnell kommen. Nicht einmal in der knapp bemessenen Freizeit. Denn auch da treibt es den Hobby-Läufer zielstrebig nach vorn. Er entspannt am besten auf der Marathonstrecke.






















