V.l.: Raimund Gründler, Ulrich Ruisinger, Dr. Klaus Vogt, Gerhard Mayer-Vorfelder, Wolfgang Bolsinger

Stuttgart | Bei der ersten Veranstaltung der neuen Reihe "Bildung im Dialog" des Kolping-Bildungswerks Württemberg e. V. sprach Kultusminister a. D. Gerhard Mayer-Vorfelder im Haus der Geschichte Baden-Württemberg über die Herausforderungen in der Bildungspolitik damals und heute.  

Zu Beginn seines Vortrags plaudert Gerhard Mayer-Vorfelder ein bisschen aus dem Nähkästchen. Zum Amt des Kultusministers sei er 1980 gekommen „wie die Jungfrau zum Kind“, das gibt er unumwunden zu. Eigentlich wollte er Finanzminister werden. Erst als der damalige Ministerpräsident Lothar Späth ihm zugestand, dass er Präsident des VfB Stuttgart bleiben dürfe, willigte Mayer-Vorfelder ein. 

Aber dann hat er dieses Amt doch mit viel Tatkraft ausgefüllt. Rückblickend kann er feststellen: „Das Fundament, das damals gelegt wurde, hat heute noch Bestand.“ Das Fundament – das war vor allem der Erhalt des dreigliedrigen Schulsystems und der Ausbau der berufsbildenden Schulen. Unter dem Motto „Kein Abschluss ohne Anschluss“ wurde unter Kultusminister Mayer-Vorfelder in den 1980er Jahren der Ausbau der Beruflichen Gymnasien und der Fachschulen vorangetrieben.

Dennoch: „Die Hauptschule wurde kaputtgeredet“, bedauert Mayer-Vorfelder. Als Eingangsvoraussetzung für viele Berufe verlangte man mehr und mehr die Mittlere Reife. „Damit geriet die Hauptschule ins Abseits.“ Auch die Einführung der Werkrealschule habe diese Entwicklung nicht gestoppt. 

Schon in einer Rede, die er 1981 in Donaueschingen gehalten habe, habe er den Rückgang der Erziehungskraft der Familie beklagt und gefordert, dass die Schule mehr erziehen und Tugenden wie Disziplin, Fleiß, Ordnung und Verlässlichkeit einfordern müsse. Das seien Werte, die unter dem Dach der Verfassung stehen. Die pädagogische Komponente bei der Lehrerausbildung müsse verstärkt werden. Es gebe aber Grenzen: „Der Grundauftrag für die Erziehung liegt bei den Eltern.“ Die Schule könne nur ergänzen. 

Von der geplanten Gemeinschaftsschule der neuen Landesregierung hält der CDU-Politiker allerdings gar nichts („Das ist eine verkappte Gesamtschule“) und verweist auf die Ergebnisse der Pisa-Studie, in der Länder mit dreigliedrigem Schulsystem deutlich besser abschneiden. Kinder aus nördlichen Bundesländern hätten schulische Probleme, wenn die Familie, oft aus beruflichen Gründen, in den Süden der Republik umziehe. „Vater versetzt, Sohn sitzengeblieben“, bringt Mayer-Vorfelder es auf den Punkt. Und er fordert eine klare Diskussion über die Probleme mit dem anstehenden „Schulsalat“ – manche Schulleiter hätten bloß noch nicht verstanden, was da auf sie zukomme.

In der anschließenden Diskussion, moderiert von Raimund Gründler, beantwortete Gerhard Mayer-Vorfelder Fragen aus dem Publikum, etwa zum acht- und neunjährigen Gymnasium, den Wegfall der Grundschulempfehlung und dem Image des Lehrers in der öffentlichen Wahrnehmung.

Die Reihe "Bildung im Dialog" wird fortgesetzt.

 

Mittwoch, 22. Februar 2012
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