SG-Elfer im Praktikum: Fürs Ehrenamt dazugelernt
Zwei Wochen lang tauschte Kim Riedl ihren Schulalltag gegen ein richtiges Arbeitsleben. Die 17-jährige Eppingerin lernte die Jugendhilfe im Lebensfeld (JuLe) kennen, ein Hilfe-Angebot der Diakonischen Jugendhilfe Region Heilbronn. Ganz schulfrei hatte die Elftklässlerin nicht. Die Vormittage verbrachte sie an der Seite der Schulsozialarbeiterin in der örtlichen Realschule.
In Mittagspause war Szenenwechsel: Die JuLe ist ein schlichtes, aber freundlich eingerichtetes Wohnhaus. Hier lernte Kim, wie Schulsozialarbeit und erzieherische Hilfen in ihrer Heimatstadt ineinander greifen. Die Jugendgemeinderätin kannte die Einrichtungen für Heranwachsende vorher nur von außen: „Ich wusste nicht genau, was hier eigentlich gemacht wird“.
Nach ein paar Tagen kann sie erklären, wie das Team Hilfepläne des Jugendamtes Stück für Stück umsetzt. Es gilt, schrittweise Erziehungs- und Verhaltensziele für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 17 Jahren zu erreichen. „Ganz wichtig ist die Tagesstruktur“, sagt Kim. Nach der Schule trudeln hungrige Kinder ein und essen gemeinsam. Erzieher und Pädagogen sitzen wie in einer großen Familie beim Mittagessen Tische abwaschen, Geschirr einräumen – „alle kennen ihre Aufgaben“, weiß Kim. Es folgt ein Entspannungsangebot, dann für alle eine Stunde Hausaufgaben. Der unbeliebteste Teil des Nachmittags.
Manche Kinder verweigern sich, „da wusste ich dann nicht mehr weiter“, sagt Kim. Am Beispiel ihrer Kollegen lernte die Schülerin, wie man mit Schwierigkeiten umgehen kann. Auf Kinder, die mit Aufmerksamkeitsdefiziten kämpfen, hatte Kim ein besonders Auge. Sie überlegt, ADHS zum Schwerpunktthema ihres Praxisberichts zu machen. Schnell hat sie die größte Herausforderung der JuLe-Arbeit entdeckt: „Den richtigen Zugang zu den Kinder zu finden, ist das Schwierigste“.
„Eine ganz andere Wertschätzung“ hat sie dafür gewonnen, was die Mitarbeiter leisten. Dass die Kinder, die in die JuLe vermittelt werden, immer jünger werden, hat Kim erschreckt. Sie wird von ihren neuen Einblicken profitieren. „Die Zusammenarbeit zwischen Jugendgemeinderat und der Kinder- und Jugendförderung kann jetzt besser laufen“, stellt sie sich vor. Und hat schon Ideen für einen gemeinsamen Kindertag oder eine Veranstaltung zum Thema Drogen.
Ohne Geduld geht gar nichts
„Mir hat es Spaß gemacht“, sagt Lukas Richter nach seinem Praktikum im Wohnheim der Jugendhilfe Unterland e.V. Dort werden junge Männer zwischen 18 und 27 Jahren sowie Frauen, die mindestens 18 sind, sozialpädagogisch betreut, damit sie (wieder) selbstständig und eigenverantwortlich leben können. „Für viele ist das die letzte Chance, nicht wieder im Gefängnis zu landen“, erklärt der Gymnasiast.
Er hat begriffen, wie ernst die Probleme der Leute sind, die im Wohnheim lernen, dass Tugenden wie Ordnung, Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit zu den Grundlagen eines Lebens in der Gemeinschaft gehören. Auch der Umgang mit Geld ist ein immer wiederkehrendes Alltagsthema. Nach zwei Praxiswochen ist Lukas klar: Die wichtigste Eigenschaft, die man in der Jugendhilfe mitbringen muss, ist Geduld. Wer schnelle Erfolge will und gleich an die Decke geht, wenn etwas nicht klappt, sollte sein Praktikum lieber woanders machen.
Erstaunt war der junge Mann aus Brackenheim-Hausen, der eng mit Sozialarbeiterin und –pädagogin Emilia Lukas zusammen arbeitete, wie viel Verwaltungsaufwand ihre Aufgabe mit sich bringt. Weit mehr als erwartet. Es werden so genannte Hilfepläne erstellt, die festlegen, welche Ziele jeder Einzelne mit dem Aufenthalt im betreuten Wohnen erreichen will. Das kostet viel Zeit, ebenso wie die Begleitung zu Behörden oder das Ausfüllen von Anträgen.
Auch bei Arbeitseinsätzen war Lukas dabei und lernte, was es heißt, eine Gerichtsauflage zu erledigen. Mit den Männern, alle älter als er selbst, und derzeit einer Frau in dem Heilbronner Doppel-Wohnhaus kam Lukas nach und nach ins Gespräch. „Es war ein ganz normaler Umgang“, sagt er. Ein Stück weit bringe man Straffälligen gegenüber Vorurteile mit. „Manche bestätigen sich“, hat Lukas erfahren. „Schwierig ist es vor allem, wenn jemand nichts an seinen Verhaltensweisen ändern will. Man kann niemanden zu etwas zwingen.“
Genossen hat er das gemeinsame Pizzabacken oder den Ausflug in die Experimenta, bei dem manche Bewohner ihren Ehrgeiz entdeckten und Spaß hatten. Auch eine Zeugenbegleitung, die Personen, die die Abläufe bei Gerichtsverhandlungen nicht kennen, vorbereitet, fand er lehrreich. „Ein Traumjob ist es nicht unbedingt“, sagt Lukas, der an den Wochenenden Essen auf Rädern ausfährt, „aber es war interessant, einmal mit Straffälligen zu tun zu haben. Diese Erfahrung macht man sonst eher nicht. Mal sehen, was die Zukunft noch bringt“.
"Das war wie in einem fremden Land"
Was tun eigentlich behinderte Menschen den ganzen Tag? Als es darum ging, sich in der elften Klasse des SG eine Praktikantenstelle zu suchen, stellte sich für Marie Dieterich diese Frage zum ersten Mal. Die 17-Jährige aus dem Bad Rappenauer Teilort Bonfeld hatte bereits in einer Grundschule und einer Kindertagesstätte hospitiert. Jetzt wollte sie noch ein anderes Arbeitsfeld kennen lernen.
Zwei Wochen hat sie in der Kirchhausener Außenstelle der Beschützenden Werkstätte Heilbronn mitgearbeitet. 86 geistig- und zum Teil auch körperbehinderte Menschen erledigen dort Kommissionierungs-, Logistik-, Verpackungs- und Versandarbeiten für die unterschiedlichsten Wirtschaftsunternehmen. Mittendrin, beim Eintüten von Zeitschriften samt Werbeartikeln, klingt Marie überzeugt: „ich find’s total klasse, ich komme super mit den Leuten klar“.
An ihrem ersten Tag war das anders. Sie hatte das Industriegebäude nur von außen gekannt. „Dass das so riesig ist, wusste ich gar nicht“, sagt Marie. Und beschreibt ihren ersten Eindruck als „eine Art Kulturschock“. „Das war wie in einem fremden Land“, lacht sie.
Lange hielt dieses Gefühl nicht an, denn Maries Mitarbeiter auf Zeit haben keine Berührungsängste, sondern erwiesen sich als extrem kontaktfreudig. Die Kollegen, Gruppenleiter und Zivildienstleistende, halfen der Praktikantin, einen angemessenen Umgang mit dem Personal zu finden. „Es ist gar nicht so einfach, herauszufinden, was ich von wem verlangen kann“, stellte die Jugendliche fest, „oft ist das wie wenn man mit Kindern zusammen ist“.
Faszinierend findet Marie, wie sich Sprachbehinderte in ihrem Arbeitsalltag zurechtfinden. Diesem Aspekt will sie sich als Spezialthema im Fach Pädagogik und Psychologie näher widmen. Ein Lehramtsstudium im Behinderten-Bereich oder sogar die Ausbildung als Gebärden-Sprachlehrerin interessiert sie jetzt. Abgesehen von konkreteren Berufsvorstellungen hat die lebhafte Gymnasiastin aber auch andere wichtige Erkenntnisse gewonnen: „Ich weiß jetzt, was es heißt, selbstständig zu sein – denken und sprechen und allein auf die Toilette gehen zu können. Wenn man abends aus der Werkstatt heimkommt, weiß man, was man hat“.
Texte und Fotos: A. Gast-Prior (KBW)
Hoher Besuch zur Einweihung des neuen SG
Mit Kultus-Staatssekretär Georg Wacker (Mitte), Mitarbeitern, Ehrengästen und den neuen Schülern haben wir die Einweihung des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums im Kosterhof gefeiert. Einen guten Tag für die Bildungsstadt Heilbronn nannte Bürgermeister Harry Mergel (2.v.l.)den Festtag. Es gratulierten außerdem: (v.l.) Dr. Carsten Breyde, Vorstand des Kolping-Bildungswerks Württemberg e .V. und Ilona Bräuninger, Leiterin des Bildungszentrums Heilbronn. Gastgeber waren Schulleiter Norbert Wacker und Verwaltungsleiterin Anja Biller.











